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Geriatronik: Kollege Roboter in der Pflege?

Manfred Kindler 0

Pflegekraft Vera Neumann ist in ihrer Senioren-WG von Pflegemaschinen in der Gestalt von KI-Robotern regelrecht umzingelt – nicht immer zum Vorteil:

Die Kuschelrobbe wurde gerade von einem Kind angezündet und der starke Robbiman klemmte ihr kürzlich beim Umbetten einer Patientin die Finger ein. Der Putzroboter hatte ein Häufchen des Besucherhündchens auf dem ganzen Fußboden verschmiert und die Sturzsensoren verklebt. Nur gut, dass ihre Sorgenkinder von der Media-KI Cornelia über die VR-Brillen mit spannender Unterhaltung ruhiggestellt werden. Um die Verpflegung kümmern sich Küchen- und Servierroboter. Ihr Psycho-KI Doc Gottfried motiviert sie wieder mit aufmunternden Tschaka-Tschaka-Appellen. Raffinierte Algorithmen und unzählige digitale Helfer begleiten sie an ihrem Arbeitsplatz und zuhause im Smart Home.

In ihrem Tagebuch aus dem Jahre 2033 beschreibt Vera anschaulich, was uns bei der Digitalisierung der Pflege im schlimmsten Fall bevorstehen könnte. Der neue Trend namens Geriatronik soll mehr Zeit, mehr Wissen und mehr Effektivität zur Entlastung der Pflegekräfte schaffen. Vorreiter sind schon seit vielen Jahren die technikaffinen Japaner, die sich mit Begeisterung allerlei Roboterhilfen bedienen. In Deutschland müssen durch klare Regelungen zunächst noch viele Vorbehalte geklärt werden, denn kommerziell fokussierte Pflegeanbietende könnten die menschliche Betreuung durch Pflegekräfte durch billigere Maschinen ersetzen. Dabei können Roboter und KI-Angebote deren Arbeitsalltag wesentlich erleichtern. Die Reduktion der enorm zeitaufwändigen Qualitätsdokumentation, die körperliche Entlastung durch Hebehilfen, die psychische Unterstützung von dementen Menschen durch Tierroboter, die digitalen Hilfen der Sturzsensorik, zur Befragung des Wohlbefindens, zur Erinnerung von Medikamenteneinnahme und Trinken können dem Pflegepersonal mehr Zeit für die individuelle Anteilnahme durch Gespräche, Bewegungsprogramme und Spiele bereitstellen.

Sozialwissenschaftler Ingolf Rascher ist als Koordinator des Forschungs- und Praxisinstituts für humanoide Robotik und KI mit seinen Robotern Siasun, Jaime, Pepper, Sanbot und Yanny bereits in 63 Alteneinrichtungen und 15 Kliniken erfolgreich aktiv. Ihre Einsatzgebiete sind neben der Pflegeassistenz die psychosoziale Betreuung durch die Beobachtung von Stimmungen und Emotionen, aber auch Unterstützungsdienste bei der Nachtwache, der Dokumentation und im Qualitätsmanagement. Insbesondere Menschen mit Autismus kommunizierten mit Yanny intimer als mit ihren menschlichen Bezugspersonen.

Ist der Einsatz von Robotern im sozialen Bereich ethisch vertretbar? Der Deutsche Ethikrat meint: Verantwortungsvoller Einsatz der Robotik kann einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen und der Arbeitsqualität in der Pflege leisten. Voraussetzung dafür ist, dass durch die Technologie nicht zwischenmenschliche Beziehungen ersetzt, sie nicht gegen den Willen der Betroffenen oder zur bloßen Effizienzsteigerung genutzt wird.

Mehr zu Robotik und KI im Gesundheitswesen
 Zum kompletten Tagebuch von 2033:
https://www.mt-medizintechnik.de/?s=Tagebuch&submit=Suchen
• KI-Ethikerin Aimee van Wynsberghe zum ethischen Design von Robotern:
www.responsiblerobotics.org
 Kontakt Ingolf Rascher, Sprecher der AAL Akademie: https://aal-akademie
• Anwendungsberichte gibt es unter www.serapion.de
 Zu den Robotik- und KI-Forschungen von Sami Haddadin im Geriatronik-Zentrum der TU München: https://www.mirmi.tum.de
 Zur EU-Studie Artificial intelligence in healthcare – Applications, risks, and ethical and societal impacts geht es unter
http://www.europarl.europa.eu/stoa.