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Editorial: Zeiten der Unordnung

Manfred Kindler 0

Seit Jahren löst sich die liebgewonnene Illusion einer geordneten Welt dramatisch auf. Die Natur hält sich nicht mehr an ihre von uns vorgesehene Rolle des immerwährenden Rohstofflieferanten und Reparaturbetriebes: Flüsse treten über, Meere vermüllen, Orkane toben, Wälder brennen, Gletscher schmelzen, Pflanzen verdorren, Tierarten sterben aus und eine Pandemie überzieht rasant die Menschheit.

Auch viele Menschen folgen nicht mehr der vereinbarten Ordnung unserer Zivilisation. Kritiker werden mundtot gemacht, Andersdenkende angegriffen, Nachbarländer überfallen, Wandel durch Handel funktioniert nicht mehr, wenn es den Expansionsdrang behindert. Gerechtigkeit und Fairness wird durch die Macht des Stärkeren ersetzt, notfalls mit Waffengewalt. Ethische Grundsätze behindern nur das Wachstum der Geldwirtschaft, Oppositionelle stören die Durchsetzung politischer Herrschaft.

Wir möchten wieder unsere alte Ruhe und Ordnung zurückhaben. Aufmüpfige Kinder stellen wir mit Ritalin ruhig, ältere Menschen parken wir in Seniorenheime und Sterbende verschwinden in Intensivstationen oder Hospizen. Als letzten Ausstieg planen wir Kolonien auf dem Mond und auf dem Mars oder suchen gleich im Weltall nach geeigneten Zwillingsplaneten.  Bis zum Aufbruch in die Ferne retten uns die Digitalisierung und Computer. Sie steuern unser Leben über Algorithmen und entwickeln eine bessere, eine „künstliche“ Intelligenz. Und nebenbei überwachen sie uns in allen Phasen unseres täglichen Daseins.

Für die Pessimisten kommt das alles schon zu spät: die Klimakatastrophe lässt sich nicht mehr aufhalten. Wir wurden von Wissenschaftlern schon vor 50 Jahren vor den „Grenzen des Wachstums“ gewarnt: die Ressourcen der Erde sind endlich. Die Dummheit der Menschen anscheinend nicht. Vor kurzem hat sich der Club of Rome wieder mit einem Überlebensleitfaden gemeldet: „Earth of All“. Wir könnten gerade noch den Untergang mit einem disruptiven Neustart zu verhindern. Wenn wir fünf außerordentliche Kehrtwenden schaffen: Beendigung der Armut, Beseitigung der eklatanten Ungleichheit, Ermächtigung der Frauen, Aufbau eines für Menschen und Ökosysteme gesunden Nahrungsmittelsystems und Übergang zum Einsatz sauberer Energie. Die 30 Autoren sprechen 15 Empfehlungen an die Politik aus. (Das zugrundeliegende Computermodell lässt sich unter www.earth4all.life herunterladen und auf eigenen Computern ausführen.)

Das bedeutendste Problem ist nicht der Klimawandel, sondern die Gefahr der gesellschaftlichen Destabilisierung durch unsere kollektive Unfähigkeit in der Kommunikation, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden. In den sozialen Medien findet durch ständige Desinformationen eine Polarisierung statt. Sie verhindert eine Verständigung über Grundtatsachen und eine kollektive Zusammenarbeit. Die wichtigste Gegenstrategie ist eine Bildung, die schon von Anfang an kritisches Denken und komplexes Systemdenken vermittelt.

Diesen Ansatz verfolgte vor fast einem Vierteljahrhundert der KKC-Gründer Max Heymann. Er wollte das komplexe System des Gesundheitswesens mit Kommunikation, Kooperation und Qualifikation verbessern: erst über den Tellerrand schauen, dann neue Brücken bauen und schließlich gemeinsam handeln.

Im ersten Versuch ist es uns leider nicht gelungen, seine Vision mit den nötigen Ressourcen nachhaltig umzusetzen. Nun sind unsere möglichen Nachfolger aufgefordert, ab Januar 2023 gemeinsam mit allen Beteiligten an einer neuen Ordnung des Systems zu arbeiten. 

Manfred Kindler, Präsident des KKC e.V.