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Neue Technologien im Gesundheitswesen: Vera Neumanns Tagebucheinträge aus dem Jahr 2033

Manfred Kindler 0

Vera Neumann, 66 Jahre alt, verwitwet, arbeitet im Jahre 2033 als Pflegemanagerin in einer Senioren-WG. Plötzlich wird bei ihr ein bösartiger Hautkrebs diagnostiziert. Eine wilde Reise durch das moderne Gesundheitswesen in der Zukunft beginnt.

Pflegeroboter

  1. Januar 2033 – Samstag

Übermorgen muss ich wieder in der WG arbeiten. Hoffentlich sind die Kuschelroboter für die Demenz­station gereinigt worden. Und bei Robbiman musste ein Berührungssensor repariert werden. Letzte Woche hat er mich bei Umdrehen vom dicken Herbert an der Bettkante eingequetscht. Unser Facility­manager hat ihn sofort aus dem Verkehr gezogen. Wir mussten wieder alle per Hand schuften, die Servierroboter waren einfach zu schwach für diese Arbeit.

Die vielen Roboter auf der Pflegestation entlasten uns massiv von der Routinearbeit, aber nutzen wir die dadurch freigewordene Zeit wirklich mal für ein Gespräch zwischen Menschen?

Ich habe mir vorgenommen, mehr mit meinen Patienten zu sprechen. Schließlich ist jeder Mensch ein eigener Kosmos für sich.

Virtual Reality

  1. Januar 2033 – Montag

Heute war ein grausamer Tag. Die Videotapeten mit den bewegten Naturpanoramen sind in der elften Etage komplett ausgefallen. Den ganzen Tag über war nur die nackte Wand sichtbar. Ständig gab es Unruhe und Gemecker. Wir haben alle Unterhaltungsroboter und die alten Videoschirme des Hauses zusammengeholt und aufgestellt. Danach wurde es endlich ruhiger auf der Station. Meine faule Kollegin Erna wollte wohl nicht schleppen und hat der besonders renitenten Elsbeth eine Geschichte vorgelesen. Dabei hatte bei ihr die VR-Brille mit ihrem Lieblingsfilm immer gut gewirkt.

  1. März 2033 – Montag

Heute ist wieder Arbeitstag. Es geht vormittags schon mit einem Feueralarm los. Der nervige Urenkel von Elfriede hat versucht, ihren Kuschelroboter Lucy in Brand zu setzen, als seine Mutter gerade mal auf Toilette war. Sie ist natürlich in Panik geraten, dabei aus dem Bett gefallen und hat ein höllisches Ge­schrei ausgestoßen. Aber unser Robbiman war schnell zur Stelle, hat sie aufgehoben und sachte wieder ins Bett gelegt.

Lucy hat nun ein versengtes Fell, aber sonst ist nichts weiter passiert, denn die Materialien sind alle schwer entflammbar. Elfriede besteht aber auf Brandsalbe und einen ordentlichen Verband. Wir haben Lucy auf permanentes Schnurren programmiert, zwischendurch erzählt er beruhigende Geschichten und hört sich geduldig ihr Geschimpfe über den missratenen Bengel an.

  1. März 2033 – Dienstag

Auf Zimmer 12 liegt Herlinde, mit 87 Jahren noch körperlich einigermaßen aktiv, was unserem Pfleger Bruno einiges abverlangt. Sie feiert seit einer Woche als Kölner Faschingsprinzessin eine heftige Karne­vals­fete, schreit ununterbrochen „Kölle Alaaf“ und möchte endlich ihren Prinzen knutschen. Bruno kann sich ihrer sexuellen Attacken kaum noch erwehren und hofft auf die baldige Erschöpfungsphase. Er hat von der Medien-KI schon ein Filmpaket an historischen Büttenreden einer Prunksitzung zusammen­stellen lassen, welches er ihr dann über ihre VR-Brille verabreichen möchte.

Die Media-KI, sie heißt übrigens Cornelia, ist eine wertvolle Hilfe für uns. Über die Kuschelroboter erfasst sie die Gemütszustände unserer bettlägerigen Patienten, ermittelt die kulturellen Vorlieben und liefert dann über die VR-Brillen oder Videowände die passende Musik und Kinofilme. Anschließend steuert sie die Kuscheltiere bei den oft endlosen Diskussionen über die Inhalte des Gesehenen oder Gehörten. Ich staune immer, was Cornelia alles zu den Videos erzählen kann.

Wie es Klaus-Peter vom Zimmer 23 geschafft hat, Cornelia auf die Belieferung mit Pornofilmen zu pro­grammieren, wissen wir bis heute noch nicht. Bruno hat ihm vor kurzem gegen ein saftiges Trinkgeld einen japanischen Sexroboter beschafft. Jetzt herrscht Ruhe, weil die Sexgeräusche direkt in sein Implant-Hörgerät übertragen werden. Trotzdem weigert sich Kollegin Erna beharrlich, dieses Zimmer jemals wieder zu betreten.

Intelligente Spiegel und Toiletten

  1. Februar 2033 – Samstag

Heute morgen nach der Dusche hat mein Badezimmerspiegel plötzlich Alarm ausgelöst. Er hat eine verdächtige Veränderung am Rücken festgestellt, nachdem er meine Haut mit seinen früheren Daten verglichen hat. Dafür ist meine sprechende Toilette jetzt immer voll des Lobes, seit ich mein neues Insulin-Implantat trage. Die Urintestwerte sind blendend. Jetzt darf ich sogar ab und zu mal sündigen und Schokolade essen. Leider hat der Analysator entdeckt, dass ich mir gestern ein Schlückchen von meinem Likör gegönnt habe. Das gibt wohl einen Punktabzug in meiner Gesundheitsakte.

  1. Februar 2033 – Montag

Das Telemed-Center hat mein Smartphone-Bild von der neuen Hautpustel analysiert und es dem KI-Dermatologen zur Diagnose weitergeleitet. Er hält es für einen bösartigen Hautkrebs und empfiehlt eine sofortige Therapie. Ich traue den Computerdoktoren nicht und werde meine Haut erstmal noch eine Weile beobachten. Vielleicht sollte ich den Spiegel im Bad mal gründlich putzen.

Ein Tag Später

Ein Arzt meiner Krankenkasse hat sich plötzlich mitten in mein Videoprogramm eingeschaltet und eindringlich zur Tumorbehandlung geraten. Die Kasse hat mir einfach einen Termin im Klinikzentrum bei einem Spezialisten verschafft. Ich bin wütend. Die spannende Krimiszene verpasst. Wer hat mich da verpetzt? Meine Apple-Gesundheitskarte etwa?

Am nächsten Tag

Am Abend bin ich zum Amazon-Gesundheitskiosk im Supermarkt an der Ecke gegangen. Ein netter Berater hat mit einem kleinen Ultraschallsensor an seinem Smartphone eine Messung der Tumordicke durchgeführt und mich über die Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt. Mich haben auch die alter­nativen Therapien ausländischer Kliniken interessiert. Dank Google-Translator konnte ich alle fremd­sprachigen Portale sofort in Deutsch lesen, sogar die chinesischen und arabischen. Gemeinsam durch­stöberten wir dann die Bewertungsportale für Ärzte, Kliniken und Therapien. Es scheint da große Unterschiede in der Qualität und Vorgehensweise zu geben.

Immuntherapie und Theranostik

  1. Februar 2033 – Dienstag

Im Klinikcampus angekommen bringt mich ein netter Hostess-Mann zum surrealistisch gestylten Imaging-Center. Ehe ich mich versehe, liege ich nach einem kurzen Labortest schon in einer MRT-Röhre. Kurz danach werde ich in ein gemütliches Zimmer gebeten, wo ein Arzt mit zugeschalteten Kollegen in englischer Sprache meine Bilddaten diskutiert.

Auch der KI-Doktor ist der Meinung, dass sich schon bedrohliche Metastasen in meinen Organen gebildet haben. Anstelle von Stahl und Strahl soll eine Immuntherapie versucht werden. Ich bin anscheinend ein medizinisch interessanter Ausnahmefall. Viele Mediziner weltweit interessieren sich jetzt für mich. Sollte ich mich darüber freuen?

  1. Februar 2033 – Donnerstag

Ein Robot-Auto hat mich wieder nach Hause gebracht. Ich bin noch ganz verwirrt. Hautkrebs! Mit vielen Metastasen in meinen Organen! Die Tumorzellen haben einfach meine Lymphozyten im Blut unter­wandert und dort irgendwelche Bremsen aktiviert. Sie haben mich so umprogrammiert, dass mein Immunsystem die Krebszellen nicht mehr bekämpfen kann. Jetzt sollen sie sich durch eine raffinierte Gegenprogrammierung selbst zerstören. Eigentlich ganz schlau.

Es gäbe auch noch die Theranostik als Alternative, eine Kombination von Diagnostik mit gleichzeitiger Therapie. Dafür spritzen sie Nanokügelchen mit einem Goldkern und einer Eisenhülle ins Blut. Die Ober­fläche der Nanopartikel ist mit Biomarkern besetzt, die genau auf die Tumorzellen spezialisiert sind. Durch das Eisen kann man die krebsbefallenen Zellen im Magnetotom erkennen und gleich mit einem starken Magnetfeld den Goldkern so erhitzen, dass er die Tumorzelle zerstört. Raffiniert!

Aber wegen meiner vielen Metastasen haben sie sich für die Immuntherapie entschieden. Ich habe sogar alles verstanden, nachdem mir mein neuer KI-Doktor Ferdinand alle meine Fragen beantwortet hat. Er war sehr geduldig. Unser Videogespräch hat fast zwei Stunden gedauert.

Mit einem DNA-Test haben Molekulardiagnostiker alle meine Gene untersucht, um eine ideale Medi­kation für mich zu entwickeln.  Ein eingepflanzter Chip in meinem Arm misst jetzt ständig den pharma­kokinetischen Zustand meiner Medikamentenwirkung. Alle Daten gehen sofort an den Pillen-Robot in meiner Küche. Er stellt mir täglich einen Medikamentencocktail mit exakt angepasster Dosierung zusammen.

Dazu habe ich noch ein mobiles Kästchen bekommen, welches die Analytik eines kompletten Klinik­labors enthält. Ein paar Tropfen Blut und Urin auf zwei kleine Chips geträufelt – und schon werden Dutzende von Parametern gemessen. Früher musste man die Proben jedes Mal zu einem medizinischen Laboratorium schicken. In meinem Unterhemd sitzen jetzt eingenähte winzige Sensoren, die meinen Schweiß analysieren und meine Temperatur messen. Doc Ferdinand kontrolliert im Hintergrund, ob alle Werte auch okay sind. Im Notfall alarmiert er den behandelnden Klinikarzt. Ich bin ein gläserner Patient!

Internet-Docs

  1. Februar 2033 – Montag

Heute beginnt meine psychotherapeutische Behandlung. Ein sympathischer KI-Coach namens Gottfried informiert mich auf der Videowand über die Mindbody-MedizinDie Klinik-Clowns auf den Stationen früher haben vorgemacht, dass Lachen die Genesung beschleunigt, weil dadurch das Immunsystem gefördert wird. Gottfried will mein Wohlbefinden und die Eigeninitiative stärken, damit meine Selbst­heilungskräfte ordentlich aktiviert werden. Er nennt es Resilienz-Training.

Viele Elemente kenne ich noch von der ganzheitlichen Naturheilkunde: Akupunktur, Atemtherapie, Aromatherapie, Massagen, viel Bewegung im Wald, Tai-Chi, Shiatsu, Reiki. Alles verfolgt nur ein Ziel: mich widerstandsfähiger gegenüber schädlichem Stress zu machen. Mein Gehirn soll gezielt an der Selbstheilung mitwirken.

Dass es funktioniert, hat man bei der Untersuchung von Placebos herausgefunden. Diese waren oft genauso erfolgreich wie Medikamente, denn es wurden die gleichen Rezeptoren im Hirnstoffwechsel aktiviert. Durch die Verbindung der früheren Alternativmedizin mit den klassischen Methoden der Schulmedizin entstand die integrative Medizin, sagt Gottfried. Er kommt mir vor wie ein elektronischer Schamane. Er hat eine angenehme Stimme und eine unendliche Geduld mit mir.

  1. März 2033 Freitag

Verdammt noch mal! Vorhin hat sich Doc Ferdinand auf der Videowand eingeschaltet. Wieder mitten in mein Programm hinein. Er dringt einfach unaufgefordert in mein Leben ein. Zuerst hat er mit mir ge­schimpft. Zehn Minuten lang hat er gepredigt.  Wie wichtig Pillendisziplin für meine Therapie sei! Ich hatte gemogelt, als mir vorhin eine Tablette auf den Boden gefallen war. Ich habe sie auf der Suche danach aus Versehen zertreten.

Der Putzrobot hat dann die Krümel aufgekehrt und in den Müllschlucker geworfen. Er ist ja ständig auf der Suche nach Staub. Der Sortierrobot der Müllanlage war bei der Analyse wohl überfordert und hat irgendjemanden alarmiert, der dann Ferdinand informiert hat.

Ich bin umzingelt von irgendwelchen Robotern und Automaten!

Später

Jeden Abend hatte ich nun längere Gespräche mit KI-Doc Ferdinand, der mit mir die Therapieergebnisse durchgeht. Die Umprogrammierung meiner Lymphozyten hat geklappt und die bekämpfen jetzt gezielt die Tumorzellen in meinem Körper. Deshalb braucht er mir keine Nanokügelchen aus Gold zu spritzen. Und mein Coach Gottfried gibt sich alle Mühe mit Reiki, Atemübungen und Tschaka-Tschaka Appellen meine Resilienz zu verstärken. Aber eigentlich nervt er mich immer mehr. Er will mich über meine Stimmungen ausforschen. Aber er ist doch kein Mensch!

  1. März 2033 – Freitag

Ich bin jetzt wütend! Weil ich mich von den blöden Robotern total überwacht fühle! Mein Kühlschrank verweigerte mir eben die Herausgabe meines geliebten Likörs! Angeblich, weil sich das nicht so gut mit meinen Pillen verträgt. Er würde mich sofort bei meinem Doc verpetzen, wenn ich die Flasche heraus­nehmen sollte.

Ich lasse meine Wut an meinem Psycho-Doc Gottfried aus. Er macht eine Atemtherapie mit ein paar Yoga-Übungen und Schattenboxen mit mir. Danach geht es mir tatsächlich besser. Aber schon wieder nur ein männlicher Video-Doc. Überhaupt – gibt es denn gar keine weiblichen KI-Docs?

Ruhr-City 2032

Jetzt will ich aber endlich mal mit einem echten Medizinmann aus Fleisch und Blut reden. Im Xing-Portal suche ich nach meinem guten alten Hausarzt Väterchen Rath, den ich schon seit meiner Kindheit kenne. Er ist natürlich längst pensioniert. Zu meiner Überraschung arbeitet er immer noch im St. Josef-Hospital in Castrop-Rauxel. Wir verabreden uns für Samstagmittag.

  1. März 2033 – Samstag

Meine Güte, hat sich das alte Ruhrgebiet verändert! Die vielen Städte von Hamm bis Düsseldorf haben sich zur neuen Ruhr-City zusammengeschlossen. Jetzt ist sie mit neun Millionen Einwohner die größte Stadt in Deutschland. Die Infrastruktur wurde optimiert und nach der Zusammenlegung machte ein gemeinsamer Krankenhausplan viele Häuser überflüssig – ein gewaltiger Strukturwandel wie damals beim Zechensterben.

Gerade fährt mich mein autonomer Bus fast geräuschlos durch grüne Innenstädte, vorbei an buntbe­malten Häuserfronten und blitzenden Geschäftsfassaden. Ohne irgendeinen Stau durch Autos und LKWs. Ich kann mich an der Kaffee- und Teebar bedienen, mir dabei Filmclips anschauen oder mich schon vorab über mein Reiseziel touristisch informieren. Mir fallen die vielen Videokameras an allen Straßenecken auf. Durch die automatische Gesichtserkennung konnte die Straßenkriminalität beseitigt werden. Dafür haben die Gangster neue, viel lukrativere Einsatzgebiete im Cyberraum gefunden.

Cyber-Museum

  1. März 2033 – Sonntag

Ach, hat das gutgetan! Mein guter alter Doktor Rath. Er hat sich mit seinen 79 Jahren gut gehalten. Von ein paar Prothesen abgesehen, die er sich in den letzten Jahren zugelegt hat. Er betreut seit einiger Zeit in seiner ehemaligen Wirkungsstätte das Krankenhaus-Museum. Er zeigte mir heute seinen jetzigen Arbeitsplatz. Fünf Tage in der Woche empfängt er Besuchergruppen und erklärt ihnen, wie früher ein Krankenhaus funktioniert hat und was dort alles zu tun war.

Das St. Josef-Hospital ist jetzt ein hochmodernes Cyber-Museum geworden. Patienten gibt es keine mehr. In den noch originalgetreuen Räumen können Besucher eindrucksvolle Simulationen in Virtual Reality erleben. In der Notambulanz herrscht plötzlich Hektik, als die grausam verstümmelten und verbrannten Opfer einer Massenkarambolage eingeliefert werden. Im Op-Saal versucht man sich als Chirurg an einer Herztransplantation. Bei speziell präparierten Robotern darf man Wunden zunähen, Knochenbrüche nageln, Hüftimplantate einsetzen oder als Hebamme sogar eine komplette Geburt betreuen.

Auf der Intensivstation rettet man eine beatmete Koma-Patientin mit dem Ambubeutel, nachdem plötzlich der Strom ausgefallen ist. Und im Labor kann man sich die Krankheitserreger noch mit einem richtigen Mikroskop anschauen, oder eine Petrischale damit beimpfen. Wer den Bazillus durch Recher­chen in medizinischen Datenbanken am schnellsten identifiziert, wird zum Mikrobiologen ernannt. Damals musste man dafür noch umfangreiche Artikel in Fachmagazinen lesen.

Die Gewinner des Wettbewerbs werden dann als zertifizierter Manager, Arzt, Techniker oder Pfleger des Tages gekürt und dürfen eine gerahmte Urkunde mit nach Hause nehmen.

Die Medizintechniker sind ständig mit der Behebung von Anwenderfehlern, Gerätefehlfunktionen und Computerstörungen durch Schadsoftware beschäftigt. Gruselig wird es auf der Pflegestation, wo man mit einem Todkranken Gespräche über das Sterben führen soll. Damals wurden die Pflegeschwestern wohl häufiger mit dieser Aufgabe konfrontiert. Als Verwaltungsleiter hat man letztendlich durch ge­schickte Planung und Mitarbeiterführung dafür sorgen, dass die Klinik trotz Personalfluktuation, Aus­fällen durch Burnouts, ständigen Instandhaltungen und immer neuen Vorschriften des Gesundheits­ministeriums noch schwarze Zahlen schreibt.

Ja, das waren noch harte Zeiten im Gesundheitswesen damals!

Die intelligente Brille

  1. März 2033 – Samstag

Heute frühmorgens weckt mich sanft mein smartes Kopfkissen. Ein Videoanruf von Jochen, meinem Enkel in China. Er sieht irgendwie verändert aus. Warum? Unser aufklärendes Gespräch hat mein Video­master aufgezeichnet:

„Jochen, du trägst ja eine Brille! Sind deine Augen etwa schlechter geworden? – Nein Vera, das ist mein AliBaba-Glass. Ich hatte gerade vorher noch eine Verhandlung mit einem Businesspartner.

Und dafür brauchst du diese komische Brille? – Vera, das ist keine normale Brille. Es ist ein Miniterminal und besitzt eine Videokamera, einen Mikrocomputer und eine Verbindung mit meinem KI-Manager.

Seit wann braucht man so etwas für ein Gespräch? –  Ohne den geht es nicht, Vera. Ich kann doch kein Chinesisch. Mein AliBaba übersetzt das gesprochene Wort direkt ins Deutsche oder Englische und spiegelt mir den Text als Untertitel ein. Oder er flüstert es mir simultan ins Ohr.

Das ist ja toll. Du meinst, dein Ali kann jede fremde Sprache sofort übersetzen? – Nicht nur das, Vera. Er schreibt anschließend ein Gesprächsprotokoll, analysiert Stimme und Mimik meines Gegenübers. Sofort verrät er mir seine Stimmung: lügt er gerade oder ist er nur unsicher? Glaubt er mir nicht?

So, als wenn da noch ein heimlicher Beobachter dabeisitzt? Ist ja gruselig. – Noch viel besser: er ist mein Lexikon. Ich kann mir keine chinesischen Gesichter merken, sie sehen oft so ähnlich aus. Mein AliBaba erkennt sofort das Gesicht, sucht den Lebenslauf der Person heraus, verrät mir ihre Vorlieben und Abneigungen, checkt den Gesellschaftsstatus anhand des China-Scores ab. Und nebenbei schlägt mir vorab einen passenden Text für den Smalltalk vor.

Ach Jochen, du warst ja noch nie ein guter Redner. Aber dass da jetzt so eine KI-Maschine jeden Gesprächspartner nackt ausziehen kann, das ist mir unheimlich. Macht die das etwa auch mit mir gerade? – Nein, natürlich nicht, Vera. Momentan zeigt mein Bildschirm nur die aktuellen Börsenkurse. Ich könnte dir jetzt auch ein Frühstück bestellen oder deine Lokalnachrichten vorlesen. AliBaba versteht mein Augenzwinkern, mein Nasenzucken, meine Handbewegungen und meine gesprochenen Worte – wie ein menschlicher Assistent.

Jetzt kommt mir das so vor, als wenn du einen Zaubergeist mit dir rumträgst. Was sagen denn die anderen Leute dazu? – Ach, die sind das gewohnt. Vera, vergiss nicht, dass mein Gesprächspartner genauso eine Brille trägt, die ihm meine Worte in seinen chinesischen Dialekt übersetzt. Nur stehen ihm bestimmt noch alle Geheimdienst-Informationen über mich zur Verfügung.

Aber Jochen, was ist denn das für eine Gesprächs-Atmosphäre? Früher hatte man einen Lügendetektor, um die Gauner zu entlarven. – AliBaba ist besser. Jetzt gewinnen nur die Ehrlichen in den Verhand­lungen. Leider funktioniert das nicht immer. Gut trainierte Schauspieler konnten schon damals die Lügendetektoren überlisten. Die bieten heutzutage teure Anti-AliBaba Seminare an, damit man sich perfekt verstellen kann.“

Das Gespräch hat mich danach deprimiert. Wir geraten immer mehr in die Fänge der Maschinen. Und das Ergebnis? Die abge­brühten Schurken gewinnen und hauen die Ehrlichen übers Ohr. Wo bleibt da unsere Privatsphäre? Kann ich mich überhaupt noch mit einem Brillenträger unbefangen unterhalten?

Es soll ja immer mehr Singles geben, die sich gar nicht mehr die Mühe machen, in einer Partnerschaft zu leben. Viel zu anstrengend. Sie flirten lieber mit ihren digitalen Assistentinnen wie Alexa. Jochen hat mir von Xiaoice erzählt, dem Hologramm-Mädchen mit einer halben Milliarde Verehrer in China. Die Chatbots sind mittlerweile so weit entwickelt, dass man sie nicht mehr von menschlichen Gegenübern unterscheiden kann. In der Werbung schreiben sie immer: Turing-Test mit Glanz bestanden!

Der digitale Zwilling

  1. März 2033 – Dienstag

Jetzt habe ich endlich verstanden, was gestern das Gerede von meinem Zwilling sollte. Ich habe demnächst tatsächlich einen digitalen Zwilling, an dem die klinischen Versuche durchgeführt werden. An meiner Stelle spielt er das Versuchskaninchen. Die Klinikexperten bilden meinen Körper mit allen wichtigen Organfunktionen, den Labor- und DNS-Daten im Computer digital nach. So simulieren sie die Reaktionen meines Immunsystems auf die entwickelten Impfstoffe. Ich werde also jetzt in einem Computer gespiegelt – als digitale Vera Neumann.

Mein Zwilling wird permanent über meine Reaktionen auf Medikamente informiert, aus einer Art komplizierten Petrischale. Dort werden meine Organsysteme in einem raffinierten Kunststoffgehäuse nachgebaut. Sie nennen es Patient-on-a-chip. Dazu haben sie mir unter Narkose Zellen aus Magen, Darm, Leber, Niere und sonstwo entnommen und lebend auf diesem Chip aufgebracht. Dessen Sensoren reagieren auf alle Substanzen und melden sie direkt an meinen digitalen Zwilling.

Mit dem analogen Vera-on-a-chip können die Ärzte jetzt nach Herzenslust herumspielen, ohne mich selbst zu belästigen oder gar schädigen. Alle möglichen Konzentrationen ausprobieren, Nebenwirkungen studieren, Medikamente kombinieren, also eine tolle Sache. Früher mussten sie dazu aufwändige Klinikstudien durchführen und es hat sehr lange gedauert, bis ein Medikament endlich eine Zulassung erhalten konnte. Und bei den künftigen Patienten testen sie die Krebsbehandlung auch vorher mit einem solchen Patient-on-a-chip auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen.

Jetzt gibt es mich auch wohl als Maschinenmensch, oder? Die neue Vera im Computer.

Avatare

  1. März 2033 – Mittwoch

Ich habe Jochen von meinem digitalen Zwilling erzählt. Er war überhaupt nicht überrascht, im Gegenteil, er lebt längst mit einem Heer von digitalen Menschen. Unglaublich! Hier ist die Videomaster-Mitschrift von unserem Telefonat:

Ach, liebe Vera, jetzt hast du dir also auch einen Digital Twin zugelegt. Bei uns heißen sie Avatare. Ich habe eine Menge davon eingerichtet. Sie vertreten mich als Gesprächspartner in vielen Chatrooms. Dort diskutieren wir meistens über gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Ich hatte mir früher sogar einen weiblichen Avatar zugelegt, der sich als junger Teenager mit anderen Mädchen über Musikkultur und erste Liebeserlebnisse ausgetauscht hat. Hochspannend. Bis ich dann gemerkt habe, dass einige in dieser Gruppe ebenfalls nicht echt lebendig waren, da wurde es dann langweilig.

Jochen, du hast dich mal als junges Mädchen ausgegeben? Das war zu meiner Zeit aber sehr anrüchig. Das heißt, du tauchst in Gesprächen garnicht als echter Mensch auf, sondern nur als dein digitaler Zwilling? – Oh mein Gott, mit wem spreche ich denn jetzt gerade? Bist du das wirklich, Jochen?

Nein, keine Bange, Vera, ich bin echt, du siehst mich doch auf dem Bildschirm gerade vor mir, hier schau, mein Muttermal. Meine Avatare erkennt man sofort am perfekten Aussehen und dem eingeblendeten Namensschild. Sie sind sehr nützlich, denn so kann ich indirekt an vielen interessanten Diskussionen teilnehmen, ohne meine Zeit dafür zu verschwenden. Über Religion, Kunst, Wissenschaft, Sport – ich habe meine Avatare mit meinen echten Ansichten gefüttert und sie vertreten in den Chatrooms dann meine Meinung. Manchmal fragen sie mich auch zurück, aber ich erhalte immer eine Zusammenfassung der Diskussionen. Wir machen sogar geschäftliche Konferenzen über Business-Strategien, wo ich mich vertreten lasse. Letzte Woche hat mir mein muslimischer Avatar die Sichtweise der islamischen Welt nahegebracht. Das war sehr hilfreich für die Lösung unserer aktuellen Geschäftsprobleme in einem arabischen Land.

Was, du hast sogar einen Moslem-Zwilling? Wie geht das denn?

Ganz einfach, ich habe ihm einen speziellen Lebenslauf verpasst, mit dem Koran gefüttert und einer arabischen KI gekoppelt. Es ist jetzt ein sehr kompetenter Gesprächspartner geworden. So kann ich mich in alle möglichen Mentalitäten und Kulturen hineinversetzen.

Mein Gott, ich bin jetzt ganz verwirrt. Wo ist denn da noch das echte Leben, die Realität? Das kommt mir so vor, als wenn im Kino der Filmheld plötzlich aus der Leinwand zu mir herabsteigt und mit mir herumflirtet. Das muss ich erstmal verkraften. Ich verliere mich ja immer mehr in eine irreale Traumwelt.

  1. März 2033 – Donnerstag

Ich habe meinen Kollegen Bruno und Erna von meinem digitalen Zwilling und den Avataren von Jochen erzählt. Die kennen das auch! Herlinde von Zimmer 12 führt gar keine Telefonate mit ihrer echten Schwester, denn die ist schon vor drei Jahren verstorben. Und der sexsüchtige Klaus-Peter von Zimmer 23 hat sich einen ganzen Harem von geilen Avataren angeschafft. Mir kommt der Verdacht, dass meine KI-Doktoren Gottfried und Ferdinand vielleicht auch nur digitale Zwillinge sind. Und dahinter verstecken sich echte Ärzte.

Ob sich Jochen vielleicht auch schon Avatare von seinen toten Eltern gebaut hat? Und mit denen in einsamen Stunden vertrauliche Gespräche führt? Er hat ja den grässlichen Unfall damals gut überstanden. Vielleicht existieren seine Eltern auch noch digital im Internet?

Das Hologramm

  1. März 2033 – Freitag

Ich bin mit dem Roboterbus wieder in Ruhr-City gelandet. Auf das Gespräch mit meinem alten Hausarzt freue ich mich schon seit zwei Wochen. Als ich den Eingang des St. Josef-Hospitals in Castrop-Rauxel betrete, trifft mich ein Schlag: Mein hochverehrter Dr. Rath steht auf der Rezeptionstheke und begrüßt mich als 19.867. willkommenen Besucher des Krankenhaus-Museums. Er ist nur dreißig Zentimeter groß und glitzert etwas in der Luft. Ich möchte ihn anfassen und greife nur in die Luft. Ein Hologramm! Er fragt mich mit seinem sonoren Bass nach meinen Wünschen.

Nachdem ich meine Überraschung überwunden habe, sage ich dem Ding, dass ich Dr. Rath im Analog­modus sprechen möchte. Der Mini-Rath verbeugt sich, überreicht mir ein Tablet und schickt mich in den Herz-Op-Saal. Dort findet gerade eine Transplantation stattfindet. Die aufgeregten Besucher tragen alle eine AR-Brille und umringen einen lebensechten Körper, der auf dem alten Op-Tisch liegt. Im Hintergrund steht mein Dr. Rath und programmiert amüsiert ein paar Komplikationen für die Simulation. Große Auf­regung entsteht bei den Möchtegern-Chirurgen, als sich herausstellt, dass das Spenderorgan etwas zu groß für den Brustkorb ist.

Im Quantencomputer

  1. März – Mittwoch

Es ist vollbracht. Ich habe der Computer-Vera Leben eingehaucht, ihr meinen Körper gegeben! Ein merkwürdiges Gefühl der Nacktheit befällt mich bei der Vorstellung noch jetzt. Ich musste mich auch bis auf den Slip ausziehen und einen hautengen Latex-Anzug anlegen. Darin steckten mehrere Tausend Sensoren, die von allen Stellen meines Körpers die Muskelsignale aufnahmen. Über eine Stunde lang bin ich mit dem Handicap in einem Laserlicht herumgelaufen, musste in der Gummihaut springen, tanzen und gymnastische Übungen machen. Ich kam mir vor wie eine willenlose Attraktion im Zirkus! – Aber was tut man nicht alles für die Gesundheit oder in der Hoffnung darauf … Das Ganze wurde simultan aufgezeichnet und einem Quantencomputer eingespeist. Wollen die aus mir jetzt eine Silikonfigur mit messerscharfer KI machen?

Bei der anschließenden Konferenz waren glücklicherweise wieder mehrere echte Menschen zugegen. Die Ärzte und IT-Experten erklärten mir, dass sie mit meinem digitalen Zwilling schon mehrere vielversprechende Medikamente entwickelt hätten, aber ihnen bei der Therapiesimulation noch die dynamischen Daten für das Körpermodell fehlen. Durch die Auswertung mit dem Quantencomputer erhoffen sie sich jetzt ein eher ganzheitliches Bild meines Zwillings.

„Ganzheitlich“, das klingt ja fast so schön harmonisch und altmodisch wie „anthroposophisch“, aber mir ist nach wie vor etwas unbehaglich zumute. Was entsteht denn da für eine digitale Retorte? Wächst mir da etwa eine kleine Konkurrenz heran? Kann ich mit meiner Computer-Vera auch mal sprechen, um ihr auf den Zahn zu fühlen? Oder führe ich dann Selbstgespräche? Die Antwort beruhigte mich. Es ist nicht möglich, da es sich nur um ein rein mathematisches Modell meiner Körperfunktionen handelt. Es wird also keine künstliche Intelligenz, keine Kopie meiner Persönlichkeit geben und vorerst bleibe ich wohl noch mit mir selbst identisch.

Virtual Shopping

  1. März 2033 – Samstag

Endlich ist es so weit: Ich habe für morgen eine Einladung zu dem Münsterländer Restaurant erhalten, das mir Dr. Rath vor einer Woche empfohlen hat. Ich bin ganz aufgeregt. Ein einmaliges Genusserlebnis soll mich dort erwarten. Da kann ich aber nicht mit meinen Allerweltsklamotten auftauchen. Ich brauche unbedingt etwas schickes Neues.

Normalerweise probiere ich meine Fummel analog, aber es eilt. Mein virtuelles Kaufhaus Amazon hat mich zuerst aufgefordert, mich in Unterwäsche vor meinem Badezimmerspiegel zu drehen. Wohl zur Strafe, weil ich ihm nicht erlaubt habe, die Körperdaten von meiner digitalen Vera zu übernehmen. – Woher wissen die überhaupt davon?

Im Spiegel – praktisch ist der Spion ja doch – konnte ich mir dann ein Dutzend Kleider anschauen. Komisches Gefühl: Ich sehe mich dort erst in Natur – und plötzlich erscheine ich, wie durch Zauberhand, mit anderen Sachen am Körper. Ich kann mich sogar dabei drehen und wenden. So realistisch, dass ich sie direkt anfassen möchte. Die digitale Verkäuferin kennt meine Wünsche besser als ich. Was Gott nicht weiß, bemerkt Amazon. Vom Stil her passt jedenfalls alles perfekt. Bei den neuen Schuhen stelle ich fest, dass der allwissenden Boutique sogar die genauen Maße meiner Einlagen bekannt sind.

Am Abend, mitten in der Entspannungsübung, knallt etwas sturzvogelhaft auf meine Terrasse. Irgendein Idiot hat die Drohne mit meinem Paket vorzeitig vom Himmel geholt. Die neue Kollektion ist aber unversehrt. Den Schrott entsorge ich in den Hausmüll. Eigentlich besteht Meldepflicht.

Dafür bin ich gestern Abend inspiriert und vollbepackt nach Hause gekommen. Frank hat mir Gewürze, Früchte, Gemüse, Nüsse, Öle und Säfte als Proben für meinen Einstieg in die Vollwertwelt mitgegeben. Ich soll sofort weg von diesen Filets aus Retortenfleisch und Petrischalenfisch, wie er es verächtlich nennt. Er hat mir auch Samen und kleine Setzlinge eingepackt, und ich habe gleich angefangen zu pflanzen und zu kultivieren.

Smart Home

  1. März 2033 – Montag

Mein Kühlschrank ist total verwirrt. Auf keinem der neuen Lebensmittel findet er eine ID-Kennung. Er hat dann gleich meinen Internet-Doc darüber informiert, dass ich nichtidentifizierbare Substanzen eingelagert habe. Als ich dann auch noch Fleisch und Fisch herausgenommen habe, wollte er gleich nachbestellen. Um das zu verhindern, habe ich einfach das Stromkabel abgezogen – und den Alarm ausgelöst. Sogleich stand ein Monteur vor meiner Tür und begehrte Einlass. Nur mit Mühe konnte ich ihn davon überzeugen, dass alles seine Richtigkeit hat, und bat ihn, das Nachbestellprogramm zu stoppen.

Ich trauere den alten Zeiten nach, als ich noch einen strohdummen Kühlschrank hatte, der einfach nur tat, was er sollte: kühlen. Und meinen analogen Mülleimer hätte ich auch gern wieder. Nicht so eine neugierige Müllschluckanlage, die mich penetrant darauf hinweist, dass meine weggeworfenen Lebensmittel noch gebrauchsfähig sind. Das hochsensible Ding detektiert einfach alles, aber auf meine Geschmacksnerven nimmt es keinerlei Rücksicht.

Nach dieser Aufregung habe ich mir ein tolles, rein vegetarisches Mittagessen aus den Gaben von Frank zubereitet und mit Hochgenuss gegessen. Prompt meldete sich mein Blechdoktor Ferdinand im Fernseher und warnte mich eindringlich vor dem Verzehr von unzertifizierten Nahrungsmitteln. Ich habe ihn dann angelogen und wie die Unschuld vom Lande behauptet, dass ich „biologische Studien“ durchführen möchte.

RNA-Printer

  1. April 2033 – Samstag

Gleich in der Frühe habe ich meinen Enkel Jochen in China angerufen. Er hatte wieder seine blöde Smartbrille auf, um die Börsenkurse zu verfolgen. Ich erzählte ihm, dass mein digitaler Zwilling nun einiges über meine vegetarische Ernährung lernen muss.

Jochen war erst merkwürdig verschlossen, aber dann rückte er mit der Sprache heraus: Der Junge befindet sich seit einer Woche in Quarantäne, weil er sich mit einem neuartigen Corona-Virus infiziert hat. Da musste ich gleich an die große Pandemie vor 15 Jahren denken, die Hundert­tausende das Leben gekostet hatte. Er hat mich dann damit beruhigt, dass er in seinen Zellen gerade den passenden Impfstoff dazu produziert – ganz so, als sei er Herr des Verfahrens.

Schon toll, was sich die Medizin da wieder hat einfallen lassen: Die Forscher entschlüsseln das Erbgut des Virus und stellen dann eine künstliche RNA mit dem entschärften Virus-Bauplan her. Die spritzt der Arzt ins Blut, wo sich die Zellen gleich daranmachen, das kastrierte Virus zu produ­zieren. Die impotenten Erreger gaukeln der Immunabwehr eine gefährliche Infektion vor. So werden Antikörper gebildet und sollte das echte Virus irgendwo auftauchen, sind die Immunzellen schon bestens vorbereitet. Sie haben nämlich die Pseudo-Attacke noch im Gedächtnis.

Und das wirklich Großartige daran ist: Die RNA-Schnipsel für ein Fake-Virus kann man in kurzer Zeit in großen Mengen herstellen. Nämlich mithilfe von mobilen RNA-Druckern, die überall in der Welt herumstehen wie Küchenmaschinen. So was hätten wir damals bei der Seuche gut brauchen können!

Tanz-Therapie

  1. April 2033 – Montag

Gestern Abend habe ich mich aufgerafft und Thorsten Rath angerufen. Jetzt ist es so weit. Wir werden tanzen gehen! Ich bin furchtbar aufgeregt. Es ist schon Jahrzehnte her, dass ich mal richtig das Tanzbein geschwungen habe. Und ich freue mich riesig auf ihn. Bin ich womöglich verliebt? Nein, wird wohl nur die Aufregung sein. Leider muss ich bis Mittwoch warten, weil er vorher noch bei neuen Simulationen in seinem Krankenhausmuseum eingespannt ist.

  1. April 2033 – Donnerstag

Ich bin noch ganz berauscht vom gestrigen Abend. Mein Tanzrhythmus war zunächst ganz schön einge­rostet, so viele Muskeln und Gelenke mussten bei mir aktiviert werden. Mein Gehirn lief dabei auf Hochtouren. Aber dank der Unterstützung durch unsere Tangolehrerin Heidi und ihrer lebensfrohen Truppe legte ich dann richtig los. Thorsten ist ein begnadeter Tänzer und er führte mich perfekt. So viel Schwung hätte ich dem Senior gar nicht zugetraut. – Senior? Ach was, beim Glück kommt es aufs Alter nun wirklich nicht an: Am Ende waren wir beide ganz schön aufgekratzt und ausgelassen und haben nur noch gelacht und uns geknufft wie die Teenager.

Und auf der Rückfahrt haben wir uns dann einfach mal geküsst! – Tja, so ist es wohl doch kein Klischee, das große Knistern bei diesem Schwof, denn es ist wahr: Der Tango bringt einen ganz schön in Wallung … und jetzt warte ich auf seine rundum vitalisierende Wirkung. Vielleicht hilft Tanz-Therapie. Und Thorsten? Mal sehen … Wenn er auch nach dem Gewirbel nicht mehr ganz so gut gerochen hat – er ist doch ein sehr lieber Kerl und ich muss sagen, es hat alles etwas wunderbar Leichtes bekommen. Aber ein bisschen unheimlich ist es auch.

  1. April 2033 – Freitag

Das war`s wohl mit dem unbeschwerten Feeling. Die Klinik hat sich wieder bei mir gemeldet. Ich soll am Montag zu einer Besprechung erscheinen, es ist dringend. Vielleicht haben die ganzen Sensoren in meinem Kleid den Jungbrunnen gestern nicht vertragen und beim Tanzen verrückt gespielt? Hoffentlich ist nichts Schlimmes festgestellt worden. Ich fühle mich eigentlich blendend. Darf ich das? Oder muss ich mich danach richten, was die Sensoren sagen? Am Ende bringt mir die ständige Überwachung meine Gefühlswelt noch komplett durcheinander. Als ob das alles nicht schon aufregend genug wäre.

  1. April 2033 – Montag

Man glaubt es nicht! Die Klinikmannschaft ist unzufrieden mit mir. Meine digitale Vera stimmt nicht mehr mit meinen aktuellen Teledaten überein. Das beunruhigt sie sehr, weil diese Situation in ihrem Modell nicht vorgesehen war. Mein Stoffwechsel und mein Hormonhaushalt haben sich seit kurzem stark verändert. Na, für mich ist doch klar: gesunde Ernährung und Verliebtsein – wie kriegt man so etwas in ein Elektronengehirn rein? Und ist das etwa schlimm? Ich werde mich doch als realer Mensch nicht an so einen digitalen Zwilling anpassen und für jede schöne eigene Regung eine Genehmigung einholen.

Veganes Essen? Tanzen? Was macht das mit einem Menschen? Sie wissen es nicht, die Herren Internet­doktoren! Sie klammern sich nur an ihre Messwerte und reduzieren das Leben auf Nullen und Einsen. Jetzt sind sie ratlos. Sie brauchen mehr Daten. Ich soll jetzt jeden Tag eine besondere Pille schlucken, die ein Minilabor beinhaltet und dann laufend Daten von meinen Verdauungsvorgängen an die Zentrale funkt.

Diese Prozedur würde ich ja noch mitmachen. Vielleicht lernen sie dann den Wert einer gesunden Kost endlich zu schätzen. Aber was ich absolut unverschämt fand: Ich soll während des Tanzens mit Thorsten verkabelt werden, damit sie herausfinden, was mit meinen Hormonen passiert. Also nein, da haben sie aber was von mir zu hören bekommen. Irgendwo fängt auch mein Intimbereich an. Ich habe dann vor­geschlagen, sie sollten lieber ihre pubertierenden Kinder bei ihrer ersten Liebe analysieren. Da gibt es bestimmt stärkere Hormonschübe zu beobachten. Ein Doc hält das tatsächlich für eine gute Idee. Seine arme Familie!

Die Turing-Tests

  1. April 2033 – Dienstag

Ich habe Thorsten erzählt, dass die Ärzte unser Liebesglück in meine digitale Vera einpflanzen wollen. Er ist da nicht ganz so sensibel wie ich und hat nur lauthals gelacht. Dann fielen mir auch meine KI-Dok­toren Gottfried und Ferdinand ein. Ich habe ja den Verdacht, dass die beiden auch digitale Zwillinge von echten Menschen sind. So wie sich mein Neffe Jochen in China seine Avatare hält.

Thorsten schlug vor, dass ich die beiden einfach einem versteckten Turing-Test unterziehen solle. Also ein Gespräch anfangen und irgendwie emotionale Aussagen herauslocken, die den dahinter versteckten Menschen verraten würden. Super Idee. Das mache ich.

  1. April 2033 – Mittwoch

Mein Psycho-Coach Gottfried musste zuerst dran glauben. Er wusste natürlich über meine neuen Gefühlsveränderungen durch seine Spione schon bestens Bescheid und wollte mich weiter explorieren. Aber ich habe den Spieß einfach umgedreht und ihn gefragt, wie es war, als er das erste Mal verliebt war. Da kam dann ganz salbungsvoll wie in der Kirche: „Es gibt nichts Schöneres als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.“ – Ich habe nur die Stirn gerunzelt und gleich unter dem Tisch gegoogelt, und siehe da: Es ist ein Zitat vom französischen Schriftsteller Victor Hugo.

Auf die Spur gesetzt, frage ich ganz naiv weiter: Wie lange hat denn diese Liebe gedauert? Antwort: „Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen, sondern das, was man bereit ist zu geben.“ – Voll daneben. Habe ich es mir doch gedacht! Das ist wieder nur zitiert – O-Ton Katherine Hepburn – und das Ganze ein Pfusch!!! Der Text kommt von einer stupiden Computerplatine, die keinen Schimmer von den Realitäten der Liebe hat und dem Gesprächspartner mit diesem verklausulierten Gutmenschentum Authentizität vorgaukeln will. Nicht mit mir! Ich bin schon einige Jahre unterwegs und habe schon ein paar Stürme hinter mir … Und überhaupt, das sind alles so Sätze, die man vorwärts wie rückwärts lesen kann und dann immer noch ganz hilflos davorsteht. – Mein Gott, Gottfried! So eine Enttäuschung!

Morgen nehme ich mir den anderen Spezi, meinen KI-Doc Ferdinand, vor.

  1. April – Donnerstag

Doc Ferdinand scheint bei seinen Antworten zunächst auch nur aus seiner Zitatensammlung zu schöpfen. Gelangweilt beschließe ich, ihn zu provozieren. „Du blöder Blechonkel, was redest du da für ein dummes Zeug? Nimmst du mich eigentlich gar nicht ernst? Ich bin es jetzt echt leid und sauer auf dich!“, schreie ich ihn an. „Moment. Ich melde mich gleich wieder.“, tönt es nüchtern aus dem Off.

Drei Minuten später ist Ferdinand wieder in der Leitung: „Was ist dein Problem?“ – „Ich habe mich unsterblich in dich verliebt, das ist mein Problem! Wann können wir uns treffen? Ich muss dich sofort sehen!“, röchele ich etwas übertrieben brünstig.

Aha. Das sitzt. Stille. Und auf einmal tritt der Zauberer vor den Vorhang: ein echter Doc und wirklicher Mensch. Er versucht mit behutsamen Worten herauszufinden, was ich denn an ihm so anziehend finde und warum ich so plötzlich verliebt bin. Schlussendlich bekommt er es mit der Angst zu tun und erzählt er mir von seiner Frau und seinen drei Kindern. Wer hätte das gedacht? Der menschliche Ferdinand aus Fleisch und Blut – mit Familie. Ihn gibt es also wirklich und in Panik versetzen kann man ihn auch. Irgendwie beruhigend zu wissen.

Ich kläre ihn über meinen heimlichen Turing-Test auf und er muss herzhaft lachen. Diese Reaktion kann keine künstliche Intelligenz simulieren. Er entschuldigt sich noch bei mir und erklärt, dass die KI-Docs nur für die üblichen Routinegespräche zuständig sind. Mein theatralischer Wutausbruch aber hat ihm einen Notfall beschert und er musste leibhaftig an die Front.

Da war ich wohl heute besser als jeder Lügendetektor. Man wird ja auch immer misstrauischer inmitten der ganzen Technologie-Manöver. Jetzt bekomme ich fast Lust, auch meine digitale Vera zu „validieren“, um herauszufinden, ob sie mir wirklich helfen kann.

Die digitale Vera

  1. April 2033 – Freitag

Doc Ferdinand war von meinem Vorschlag sehr angetan. Ich will auch die digitale Vera in einem Dialog testen. Sein IT-Team nimmt die Herausforderung an: Am 9. Mai soll der Disput analoge versus digitale Vera stattfinden. Das gibt mir Zeit, mich mit meinen Freunden über mögliche Themen zu beraten. Mein „Ernährungscoach“ Frank schlägt ein Gespräch über das Leben der Pflanzen vor. Und meine neue Eroberung Thorsten kennt natur-gemäß nur ein unschlagbares Thema: die Kraft der Liebe. – Mir ist alles recht, wenn es mir nur gelingt, der Künstlichen Intelligenz die Grenzen aufzuzeigen und die sterile Arroganz der Kliniker durch ein paar Natur-Tatsachen zu erschüttern.

  1. Mai 2033 – Montag

Der Test verlief ganz anders als erwartet. Wir trafen uns in einem Konferenzsaal – um mich herum etliche Mediziner und IT-Leute. Im Hintergrund ein Kamerateam. Plötzlich flimmert es auf einem Podest. Ein Hologramm erscheint, untermalt von minimalistischer Musik – die digitale Vera. In Lebens-größe. Sie ist meine perfekte Kopie, trägt sogar mein Kleid. Sie kennt die Farbe meines Lippenstifts und wirkt etwas verjüngt, fast verführerisch. Sie bewegt sich ein paar Schritte auf der Stelle – elegant – und imitiert dabei meine Gestik. Und doch hat sie etwas mir ganz Fremdes, Starr-Puppenhaftes.

„Ich begrüße dich, Vera. Schön, dass wir uns kennenlernen.“ Ihre Tonlage und Sprachmelodie, ihre Mimik – als wenn ich einen Film von mir sehe. Ich bin perplex und stottere etwas unbeholfen: „Hallo, du Vera-Kopie. Wie soll ich dich nennen?“ – „Ich bin Dive, die digitale Vera. Ich sehe, du bist sehr aufgeregt.“ – „Woher willst du das wissen?“ – „Ach Liebes, ich sehe doch deine Pulsader am Hals, wie sie pocht. Deine Atmung ist flach, deine Stimme zittert leicht. Keine Angst, Baby, ich tue dir nichts.“

Meine Güte, sie haben mich bis ins Detail analysiert und in dieser Diva nachgebaut. Sie strahlt ein starkes Selbstbewusstsein aus und tut unangenehm vertraulich. Dabei kennen wir uns erst seit drei Minuten.

Nach dem ersten Schreck beschließe ich, meine Stärken aus-zuspielen. „Dive, du redest von Angst. Kannst du überhaupt menschliche Gefühle nachempfinden?“ – „Ja, ich beherrsche das gesamte Gefühlsspektrum eines Menschen.“ – „Beherrschen? Das ist nicht das Gleiche. Du kannst nur alles simulieren, nachäffen, aber doch nichts echt empfinden.“ – „Nein, ich simuliere nichts, ich habe alles wie ein Kind von Grund auf gelernt.“ – „Wir Menschen haben ein lebendes Gehirn, du hast nur leblose Speicherzellen.“ – „Menschliche Gehirne funktionieren genauso wie meine neuronalen Netze, Baby.“

Baby, Baby – sind wir hier in Amerika? Sie kennt mein Make-up, aber bei meinen Sprachgepflogenheiten versagt wohl das Erinnerungsvermögen dieser Barbie. Das ist ein fauler Zauber und deshalb kommt jetzt gleich mein Trumpf: „Aber ich habe eine Mutter und einen Vater aus Fleisch und Blut und mit echten Genen. Und dazu Großeltern und Ahnen und einen ganz, ganz tiefen Background von Urwald und Urur­urahnen! Du aber wurdest nur von einem IT-Designerteam in der Digital-Retorte erschaffen.“ –

„Liebes, die Grundlage ist doch vergleichbar. Du hast dich aus einzelnen Zellen entwickelt und bist nun ein komplexer Zellverbund. Meine Existenz basiert auf elektronischen Elementen, auf digitalen Zellen in einem komplexen Quanten-Netzwerk.“

„Ach was, Abrakadabra und Quantenquatsch: Ich sage dir: Ich habe durch meine Sinne im Laufe des Lebens die Welt genossen, erlitten und kennengelernt und mir dabei eine Seele erworben – See-le! Du dagegen wurdest einfach programmiert, grausam geschichtslos synthetisiert, am PC! Davor gab es nichts, gar nix, verstehst du?“ –

„Meine elektronischen Sinnesorgane umfassen durch spezielle Sensoren das gesamte Wellenspektrum des Universums. Meine Weltkenntnis basiert auf allen verfügbaren Informationen der Menschheit. Ich erhalte pausenlos neue Daten aus der Umwelt. Du besitzt mentale Modelle, ich nutze vergleichbare digitale Modelle der Welt. Also, Baby, wir unterscheiden uns nicht im Grundsatz.“

Oh doch, du rudimentärer Twin, denke ich, in der Sprache sind wir doch recht verschieden! Baby … Liebes … Baby … alberner Programmierfehler … Und wir unterscheiden uns im Temperament, denn im Gegensatz zu dir bin ich aus der Ruhe zu bringen. Und das führt zu keinem metallischen Geschepper, sondern zu echten Wallungen und erhöhtem Puls … Bei alldem: Diese Dive war schon ziemlich geschickt im Argumentieren.

Wir palaverten über eine Stunde lang. Schließlich spreche ich ihre Schwachstelle an: „Hör mal, Diva, du weißt aber nicht, was Liebe ist. Du bist ratlos und hast rein gar keine Ahnung, was in meinem hoch­differenzierten feinfühligen Liebes-Inneren vor sich geht. Ich kann dir auch verraten, warum du das nicht kapierst: Weil du nur in Nullen und Einsen denken kannst! Im Planquadrat kann man Liebe aber nicht ab-bilden. Liebe ist nämlich keine Rechenaufgabe, sondern ein großes Geheimnis und ein Abenteuer mit Kurven und Kanten!“ – „

Aber Vera-Baby, das stimmt so leider nicht. Ich denke mit einem Quantencom­puter, der alle Zustände zwischen Null und Eins verwendet. Lass uns nun über Liebe reden, Liebes. Deine Liebe. Ein sehr interessantes Thema.“

Das notorische Puppen-Ding gibt sich unschlagbar. Ich soll also ernsthaft mit einer Maschine über die Liebe reden? Für heute aber müssen wir abbrechen, da ich total erschöpft bin. Die Mediziner hingegen sind fasziniert von unserem Disput und dringen auf eine Wiederholung. Soll ich mich mit dem zwielich­tigen Apparat wirklich weiter duellieren? Oder mich lieber den realen Liebesgefechten widmen?

Neuromorphe Computer

  1. Mai 2033 – Freitag

Heute Morgen ein längeres Gespräch mit meinem Enkel Jochen in China. Ich forderte ihn auf, erst mal seine Brille abzulegen, mir tief in die Augen zu sehen und zu versichern, dass ich nicht mit seinem Avatar rede. Denn allmählich ist Authentizität für mich so wesentlich wie die Luft zum Atmen. Und ich brauche noch immer echten Sauerstoff. Jochen war natürlich sehr an der Digi-Tussi interessiert und fragte mir zu den Dialogen mit der Diva regelrecht Löcher in den Bauch.

Schließlich wollte er noch wissen, ob im IT-Team auch Chinesen mitgearbeitet hätten. – Mein Gott, er und seine Chinesen! Aufgrund meiner Schilderungen zur Schnelligkeit und Schlagfertigkeit glaubt er, dass im Hintergrund sogenannte neuromorphe Schaltungen gewirkt haben. Das seien Computerchips, die nicht mehr mit Transistoren arbeiten, sondern menschliche Hirnfunktionen mit nervenähnlichen Neuristoren nachbilden. Die Chinesen hätten da schon jahrelang die Weltführung inne. Diese Techno­logie hätte die künstliche Intelligenz um einen großen Sprung vorangebracht.

Man sieht: Jeden Tag was Tolles aus dem Reich der Mitte, aber mir war das schon wieder zu viel an Robotik und Maschinenwesen und ich beendete das Gespräch abrupt mit einer Ausrede.

Nach dem neuerlichen Technologiezauber brauche ich jetzt mal wieder den Austausch mit Thorsten und meinen erdverbundenen Freunden Wilhelm und Frank. Und einfach frische Luft ohne Elektrosmog und virtuelles Rauschen, sonst werde ich selber noch ganz transistorisch, neuristisch oder neuromorph oder irgend so etwas in der Art …

Xenobots

  1. Mai 2033 – Dienstag

Mein lieber Jochen aus Peking hat gerade angerufen. Er klang natürlich begeistert, als ich ihm von meinem Plan erzählt habe, und schwärmte von den neuromorphen Compu­ter­systemen der Chinesen: Keine Transistoren mit ihrer 0/1-Welt, sondern lebensnahe Neuristoren, die mit gekoppelten Quantencomputern unglaubliche Leistungen der Künstlichen Intelligenz hervorbringen können. Damit kann die digitale Welt der Computer direkt mit dem analog denkenden Gehirn kommu­nizieren. Man benötigt keine manuellen Interfaces mehr, sondern steuert Maschinen mit der Kraft der Gedanken.

Jochen, dieses große, fortschrittsgläubige Kind, merkt gar nicht, dass mir seine Visionen nicht nur die Sprache, sondern fast den Atem verschlagen. Sollen Maschinen etwa meine Gedanken lesen können? Was fangen die Apparate damit an? Unfassbar! Das ist doch schon wieder ein Eingriff in meinen Haushalt. Dann ist es mit der Meditation wohl auch endgültig vorbei …

Aber mein Enkel ist nicht mehr stoppen. Er erzählt von speziell gezüchteten Xenobots. Das sind wohl lebende Zellen, die wie Roboter programmiert werden und dann ausschwärmen können, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Sie reinigen bereits das chinesische Meer von Mikroplastikpartikeln. Aus mensch­lichen Krebszellen erzeugte Xenobots transportieren bei Patienten schon Medikamente in den Tumor, indem sie sich mit ihren kleinen Geißeln im Blut fortbewegen. Andere Xenobots sollen gezielt die Kalkablagerungen in den Arterien entfernen.

Gegen Ordnung und Saubermachen habe ich ja nichts, aber doch nicht in meinem Inneren! Und schon gar nicht mit derart perfiden Methoden. Bei der bloßen Vorstellung juckt es mir überall. Ich sehe schon Roboter-Ameisen durch meine Hirnwindungen rasen und spüre, wie mich die winzigen Tiermaschinen auffressen. Das ist doch wie artifizieller Urwald, nachdem man den echten zerstört hat.

Merkt der Knabe überhaupt nicht, welche Horrorvision er da gerade wieder aus dem Hut zaubert? Als ich entsetzt meine Hände vor dem Kopf zusammenschlage, wird er endlich auf mich aufmerksam. Und wechselt schnell das Thema. Wir wollten ja über meinen digitalen Zwilling reden. Dive sollte endlich mal mit dem echten Menschsein konfrontiert werden.

Und da redet er sich gleich wieder in Trance. Dive könnte zu echtem Leben erweckt werden, es gebe jetzt elastisches Biogel, womit man Roboter mit einer lebensechten Haut versehen kann. Dann könnte ich mein digitales Ebenbild richtig anfassen und müsste nicht mehr auf ein Hologramm starren.

Tolle Idee, aber ich will die arrogante Kuh gar nicht anfassen. Von mir bekommt die Diva allenfalls eine saftige Ohrfeige!