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Editorial: Wer pflegt die Babyboomer?

Manfred Kindler 0
Manfred Kindler

Diese einfache, aber für mich als früher Babyboomer beunruhigende Frage stellte die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Zegelin kürzlich auf einem Pflegekongress in Köln zum Thema „Digitalisierung im Gesundheitswesen – Segen oder Fluch.“ Sie kann mit 70 Jahren auf ein außerordentlich erfolgreiches Leben im Pflegebereich zurückblicken.

Seit 50 Jahren propagiert sie die Bedeutung der „sprechenden Pflege“, dem Dialog zwischen Patienten und der Fachpflegenden. Unter anderem gründete sie in Eigeninitiative ab 1999 bundesweit 15 Patienten-Informations-Zentren mit Biblio- und Mediatheken für Patienten und Angehörige, die dort Informationen und Beratung zum täglichen Umgang mit ihrer Krankheit finden. Besonders beeindruckend fand ich auch ihre Idee der Hoffnungsspaziergänge: Bilder mit mutmachenden Symbolen und Fotos, die bei einem moderierten Rundgang im Klinikum den Patienten wieder neuen Lebensmut schenken sollen.

Frau Zegelin war seit den 1980er Jahren in zahlreichen Gremien tätig und hat ihre Botschaften in vielen Hundert Vorträgen und Publikationen vorgetragen. Seit sieben Jahren im Unruhestand, stellt sie weiterhin der Politik und den Pflegeorganisationen solche unbequemen Fragen, denn sie warnt seit langem vor der gewaltigen Anzahl der pflegebedürftigen Babyboomer der 1950er und 1960er Jahre auf Deutschland.

Auf meine Frage hin, warum ihre erfolgreichen und doch kostengünstigen Maßnahmen nicht längst in unserem Gesundheitssystem fest etabliert sind, nannte sie mir zwei Gründe: die fehlende Lobby der Pflegeberufe in den Regierungen, weil die Pflegeverbände heillos zersplittert sind und nicht eine machtvolle Stimme zustande bringen. Und das zweite ist das deutsche Urproblem der Bürokratie, welches schon vor 25 Jahren unser Bundespräsident Roman Herzog im Hotel Adlon angesprochen hat: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen.“ Auch Wolfgang Schäuble, immerhin der dienstälteste Abgeordnete und mehrfacher Minister, warnte eindringlich: „Eine freiheitliche Demokratie kann auch durch ein Übermaß an Bürokratie erdrosselt werden.“

Es nutzte nichts. Bis vor kurzem löste dieser Ruck nur kleine Trippelschritte aus, die Bürokratie wucherte weiterhin. Nun hat ein gewaltiger Tritt die deutsche Bräsigkeit brutal aufgeschreckt: ein winziger Virus, ein weltweiter Klimawandel und ein gewalttätiger Despot in der Nachbarschaft. Die drei haben das kleine Schildchen „Do not disturb“ an der deutschen Hoteltür zerfetzt.

So scheiterte Frau Zegelin mit der Umsetzung ihrer Ideen oftmals an den bürokratischen Hürden. Vielleicht gibt es irgendwann einmal einen mutigen Volkswirt, der den gesellschaftlichen Gesamtschaden unserer Regelungswut in Euro und Cent ausrechnet. Bis dahin bleibt mir nur, den israelischen Satiriker Ephraim Kishon zu zitieren:

„Von allen Plagen, mit denen Gott der Herr unser Wirtschaftsleben heimsucht, ist die Bürokratie die weitaus schlimmste. Die Bürokratie ist nicht etwa ein Versagen der Regierung. Das glauben nur die Optimisten. Die Bürokratie ist die Regierung selbst.“

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