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Salutogenese: Warum bleiben Menschen trotz Risiken gesund?

Manfred Kindler 0

Unser pathogenetisch-orientiertes Gesundheitssystem ist eigentlich ein Krankheitssystem. Die klassische Medizin konzentriert sich in erster Linie auf die Entdeckung und Behandlung von Krankheiten und Behinderungen. Sie tut sich aber schwer mit der Beantwortung der Fragen, weshalb starke Raucher wie Winston Churchill und Helmut Schmidt ihre Lungenschädigung sehr lange überleben. Warum fallen Nebenwirkungen von Covid-19-Impfungen so unterschiedlich stark aus? Was beeinflusst positiv die Überlebensrate von invasiven Beatmungen?  Und aktuell: aus welchen Ressourcen schöpfen gescheiterte Politiker wie Donald Trump trotz aller Niederlagen immer wieder die Kraft für einen Neuanfang?

Kurzum: Wieso überstehen manche Menschen hochtraumatische Erlebnisse besser als andere, ohne krank zu werden? Diese Frage stellte sich von fünfzig Jahren der israelisch-amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky, als er in einer Studie den Krankheitsstatus von Frauen untersuchte, die unglaubliche Torturen in Konzentrationslagern überlebt hatten und trotzdem psychisch gesund blieben. Dabei entdeckte er die Kraft der Resilienz und die Rolle von Selbstheilungskräften. Somit legte er den Grundstein für die Salutogenese als Ergänzung zur klassischen Pathogenese.

Bei der tagtäglichen Auseinandersetzung der Menschen mit Stressfaktoren wie zum Beispiel bei Krankheitskeimen kann das Immunsystem positiv im Sinne einer Immunstärkung und der Bildung eines Immungedächtnisses reagieren, aber bei aggressiven oder hochkonzentrierten Viren auch überfordert sein. Schon 1878 stellte Louis Pasteur fest, dass Hühner unter Stressbelastung eine höhere Infektionsanfälligkeit aufweisen.

Im Rahmen der Psychosomatik entwickelte sich das Forschungsgebiet der Psychoneuroimmunologie, welches die neurologische Steuerung des Immunsystems aufklärte und deren negativen wie positiven Einflussfaktoren der Psyche identifizierte. Neben chemischen Giftstoffen und biologischen Erregern haben auch psychosoziale Einflüsse wie Stress, Depression und Angst krankmachende Auswirkungen auf das Immunsystem. Krankenkassen beobachten eine alarmierende Zunahme von Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung aufgrund psychischer Störungen. Weltweit summiert sich die Zahl der Erkrankten auf eine halbe Milliarde Menschen jährlich.

Antonovsky beschreibt die noch vorherrschende Denkweise im Gesundheitswesen mit einer Metapher: die Mediziner wollen Menschen mit hohem Aufwand aus einem reißenden Fluss retten, ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie sie da hineingeraten sind und warum sie nicht besser schwimmen können.

Die entscheidende Strategie für die Bekämpfung der Corona-Pandemie ist daher die Stärkung der positiven psychischen Einflüsse für die Immunabwehr. Woher kommt die Widerstandskraft? Vereinfacht dargestellt korrelieren mit einer verbesserten Immunabwehr Persönlichkeitseigenschaften, die ein angenehmes Lebensgefühl verbreiten. Optimisten gehen davon aus, dass alles ein gutes Ende finden wird. Ein starkes Selbstwertgefühl kann nachweislich die Anzahl der Antikörper bei Röteln erhöhen. Im Bereich der HIV-Forschung verringerte der Glauben an die eigene Fähigkeit, Probleme zu bewältigen (Selbstwirksamkeit) die Sterblichkeitsrate. Soziale Bindungen an die Familie und Freunde mit intensiven Gefühlen stärken das Gleichgewicht der am Immunsystem beteiligten Zellen.

Das Mainzer Resilienz-Projekt MARP untersucht die Mechanismen, die eine Krankheitsentwicklung trotz genetischer Risiken und schweren Belastungen verhindern und es einer Person erlauben, ihre mentale Gesundheit dabei aufrechtzuerhalten oder wieder zu erlangen.

BOX:

Empfohlener Link:

Mainzer Resilienz Projekt (MARP) | LIR Mainz – Leibniz-Institut für Resilienzforschung (lir-mainz.de)

Buchempfehlungen:

BZgA Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 6: Was erhält Menschen gesund – Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert

Raffael Kalisch: Der resiliente Mensch – Wie wir Krisen erleben und bewältigen

Christina Berndt: Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft

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